Umbrien – eine Radreise durch Italiens mystische Mitte

Umbrien – eine Radreise durch Italiens mystische Mitte

11 Tage, 1.100km und 16.000 Höhenmeter waren wir Ende September mit Rad und Zelt im Herzen Italiens unterwegs … es war landschaftlich, kulturell und v.a. kulinarisch eine phantastische Reise.
Bei unserer extrem kontrastreichen Schleife um/durch Umbrien streiften wir auch die italienischen Nachbarregionen Emilia Romagna, Toskana, Latium, Abruzzo sowie die Marken. Gran Sasso/Campo Imperatore und Monti Sibillini/Piano Grande waren dabei nicht nur Wetter-mäßig die absoluten Highlights …

Unsere Route:

unsere Route - Radreise Emilia Romagna, Toskana, Umbrien, Lazio, Abruzzo, Marken 2014

Wieso Italien?

Eine Radreise durch Italien klingt auf Anhieb nicht besonders spektakulär. Radfahren in Italien hört sich genauso abgedroschen und einfallslos an wie Skifahren am Arlberg oder Trainingslager auf Mallorca … jeder kennt es oder kann sich auf Anhieb darunter etwas vorstellen … und alle sagen whow – suuuuper Gegend.
Und Italien alleine? Viele assoziieren zu allererst Pizza, Pasta und endlose Adria-Strände. Andere träumen von romantischen Weinhügeln in der Toskana oder von kulturellen Hochgenüssen in Florenz, Rom oder Venedig. Eines haben diese Assoziationen meistens gemeinsam – sie alle kreisen um die zentralen Tourismus-Magneten eines Landes, das bei uns in Österreich nicht selten als komplett erschlossen und allseits bekannt wahrgenommen wird – wesentlich stärker als alle anderen Reiseländer in Europa.

Wieso also ausgerechnet durch Italien radeln? Ein Grund für diese Entscheidung war sicher, dass wir die letzten Jahre im Zuge unserer Rad- und Triathlonbewerbe immer sehr positive Aufenthalte und Events in Bella Italia hatten – sei es beim XTERRA Abruzzo in Scanno, bei der Rally di Romagna rund um Riolo Terme oder beim XTERRA NordEst in Tarzo/Revine Lago … alles Gegenden, in die wir ohne diese sportlichen Anlässe wahrscheinlich nie gefahren wären und nach deren Kennenlernen sich unser Wunsch jedesmal verstärkte, Land und Leute abseits von Wettkampf-Fieber und auch länger als nur für ein paar Tage zu begegnen.

Die Planung

Nach ersten Überlegungen, Recherchen und Lektüre einiger Artikel und Reiseberichte war es bald klar: es zieht uns nach Umbrien – ins Innerste … die einzige Region Italiens ohne Grenze ans Meer oder ein benachbartes Ausland.
Unberührte Landschaften und eine kulturell ebenso mystische wie imposante Vergangenheit klangen für uns verlockend genug, unsere Reise bewusst in eine Gegend zu konzentrieren, die mit wenigen Ausnahmen (Asissi, Perugia, Spoleto) weit abseits touristischer Aufmerksamkeit steht.

Umbrien und die Marken sind nicht so berühmt wie die Toskana, doch von noch größerem Zauber. Sie haben die Patina, die alle Welt in Italien sucht … Man blieb, schnell unterworfen und bald wieder vergessen, immer man selbst.
Dirk Schümer, Das ideale Italien.

Umbria e Marche - Touring EditoreNachdem wir uns bei Freytag und Berndt mit dem kompletten Kartenmaterial von Toskana/Emilia Romagna bis Latium/Abruzzo eingedeckt hatten (Touring Editore – 1:200.000) waren die Hauptziele schnell ausgemacht: Monti Sibillini und Gran Sasso erschienen bereits beim Blick auf die Straßenführung als Radparadiese oberster Kategorie. Die weitere Routenplanung war dann nur noch die Folge logischer Überlegungen hinsichtlich einer realistischen Gesamtlänge und unseres Wunsches nach demselben Start- und Zielort, um einen zusätzlichen Reisetag/Transfer mit Zug oder Bus zu vermeiden.

Die Tage davor

Am spannendsten waren dann eigentlich die letzten Tage vor unserer Reise. Nachdem die Wetterprognose eher trist aussah und gleichzeitig ein Altweibersommer über der Ostsee (unser Alternativziel, da in komplett entgegengesetzte Richtung) vorhergesagt wurde, waren wir noch 2 Tag vor Urlaubsbeginn auf eine gemütliche Flachlandrunde in Deutschland, Dänemark und Schweden eingestellt.

wo geht es hin? ... nach Italien :)

Erst der Abend vor unserer Abreise brachte die Wende mit der Idee die Runde in Italien umzudrehen und damit die eigentlichen Highlights in den höheren Bergen nach hinten zu verschieben, um dort die Chancen auf perfektes Herbstwetter zu wahren. Wie glücklich diese Entscheidung war, zeigte sich dann 8 Tage später bei Eintritt in die Region Gran Sasso/Abruzzo. Einzige Kehrtseite der Medaille: die anstrengendsten Etappen gab es nicht zu Beginn unserer Rundfahrt sondern am Ende, als jede Steigung bereits doppelt schmerzte. 🙂

Eine klare Empfehlung

Insgesamt lernten wir Bergdörfer und Hochebenen kennen, die eindrucksvoll und unerwartet intensiv ihre Schönheit und Einzigartigkeit zur Schau stellten.
Klar gilt auch hier wie wahrscheinlich überall: alles steht und fällt mit dem nötigen Wetterglück – wenn dieses vorhanden ist, versprechen wir jedem Rad-Fan in den Regionen Gran Sasso und Monti Sibillini Glücksgefühle alleroberster Kategorie – egal ob mit Rennrad oder Mountainbike.
Wer nicht gerade im August unterwegs ist (was auf Grund der hohen Temperaturen ohnedies nicht besonders ratsam ist), findet hier immer wieder absolute Einsamkeit. So waren wir stellenweise gefühlt eine Ewigkeit ohne motorisierte Begegnung unterwegs, wobei wir nur relativ selten auf ruppigen Schotterpisten landeten. Meistens surrten unsere Reifen über feinsten Asphalt.

Kontraste

Natürlich haben wir auf unserer Rundreise auch genau das Gegenteil erlebt – v.a. um die größeren Städte wie Orvieto, Viterbo, Terni, Rieti oder L’Aquila: viel Verkehr, triste Landschaften … Kilometer, die einfach nur dazu dienen, von einer Region in die andere zu wechseln – wahrscheinlich der größte Nachteil, wenn man eine Rundreise anstelle einer Über-/Durchquerung plant.
Oft sind es aber genau diese Kontraste, die es auf einer längeren Reise braucht, um die immer wieder auftretenden Highlights in einer noch stärkeren Intensität wahrzunehmen: Regen – Sonne … dichter Verkehr – die totale Einsamkeit … eisige Kälte (in den Zeltnächten weit über 1.000m) – extreme Hitze (auf den Steilrampen der tieferen Regionen) … endlose Serpentinen in alpinen Regionen – schnurgerades Flachland am Meer/um die großen Seen … dichte Industriegebiete – malerische Bergdörfer … geschichtsträchtige Kulturdenkmäler – naturnahe Harmonie … fette Autobahnnetze – jahrhundertealte gepflasterte Wege … karge Hochebenen mit vereinzelten Blüten als Farbtupfer – üppigste Vegetation in den Tälern …

Ein paar Eckdaten unserer Reise:

  • Insgesamt waren wir 11 Tage unterwegs – meistens etwas über 100km. Nur an Tag 7 haben wir in L’Aquila regenbedingt die Etappe bereits mittags nach 50km beendet.
  • Kilometer gesamt: 1.113,8
  • Höhenmeter gesamt: 16.315
  • Längste Etappe: 132km – 2.200hm – 7:23 reine Fahrzeit (Tag 4: Bolsena – Narni)
  • Netto-Fahrzeit gesamt: 68 Stunden (im Schnitt 6h pro Tag)
  • Brutto-Zeit unterwegs (inkl. Pausen): 94 Stunden (im Schnitt 8,5h pro Tag)
  • Fotos gesamt: 1.754
  • Bei insgesamt 32 Pausen (länger als ein Foto-Stopp) genossen wir zu zweit 45 Cafés und 44 Dolce (Croissants & Co.).
  • Gewicht Hana: Rad inkl. Gepäckträger 11,0kg, Gepäck 9,2kg plus Wasser/Essen ca. 2-3kg: Gesamt ca. 22kg
  • Gewicht Peter: Rad inkl. Gepäckträger 11,4kg, Gepäck 22,4kg plus Wasser/Essen ca. 2-3kg: Gesamt ca. 35kg
  • Pannen: 0
  • Stürze: 0
  • Regentage: 2 (Tag 5, Tag 6)
  • Zeltnächte: 8
  • Nächte im Zimmer: 2 (Tag 5: Corso, Tag 6: L‘Aquila)
  • Abendessen selbst gekocht: 2
  • Eindeutige Fans neben der Strecke: 1 … ein Auto stoppt plötzlich an Tag 11 bei der Steilrampe zur „Strada Panoramica Adriatica“ – ein älterer Mann in Anzug steigt aus, zückt seinen Fotoapparat und feuert uns enthusiastisch an. Danach fährt er weiter …