Etappe 6
Nach zwei herrlich sonnigen und relativ windstillen Tagen sieht es heute Morgen wieder einmal anders aus. Immerhin spendieren die Nebelschwaden und Wolkenbänke vor der zart durchscheinenden Sonne neue, teils spektakulär-düstere Lichtstimmungen auf unseren letzten „richtigen“ 25 Küsten-Kilometern. Und auch einige Passagen – teils Single-Trails – durch Dünen und Vogelschutzgebiete lassen die erste Stunde relativ schnell vergehen.







Sobald wir die Küste verlassen, um auf direkterem Weg nach Tarent zu fahren, ändern sich Landschaftsbild und Straßen schlagartig. Wir passieren ausgedehnte Weinbau-Gebiete, auf denen die bekanntesten Rebsorten Apuliens gedeihen – Primitivo und Negroamaro. Die Lese ist bereits abgeschlossen, wir erspähen noch vereinzelte Reste und kosten die überraschend intensiv süßen, dunkelblauen kleinen Beeren, die rein geschmacklich auch durchaus als Tafeltrauben durchgehen könnten.
Neben Wein und Oliven ist es vor allem buntes Gemüse, das teilweise noch die Felder bedeckt: Während Melanzani, Paprika und Tomaten am Abfallen sind, startet der Fenchel mit einem ersten zarten grünen Blattwerk. Auch Reste der Melonen-Ernte liegen immer wieder noch auf den Feldern. Allerlei Zitrusfrüchten werden wir heute noch etwas später begegnen.








In Pulsano kaufen wir im Supermarkt Herzhaftes und in der nebenliegenden Bäckerei zwei hervorragende, ofenfrische Cornetti, die nahezu Croissant-Qualität erreichen, was – auch wenn uns die italienischen Bäcker:innen jetzt hassen werden – wir bei unseren zahlreichen Italienreisen nur sehr, sehr selten erleben. Wir lassen uns auf der belebten Piazza nieder und beobachten das bunte Treiben im Anschluss an die (offenbar gut besuchte) Sonntagsmesse. Teils elegant gekleidet, teils skurril (Jogging-Anzüge in allen Farben) treffen sich Menschen jeden Alters auf einen Plausch. Kinder toben über die Straßen, entzünden Knallkörper, tricksen mit ihren Fahrrädern, Jugendliche flirten oder sind einfach cool. Es ist schön anzusehen, wie lebendig und menschlich es hier zugeht. Niemand wandelt heute wie ferngesteuert den Blick aufs Smartphone fixiert ins Leere. Es ist wie früher bei uns.
Tarent erreichen wir nach ca. 70 Kilometern. Es ist eine Hafenstadt mit einer 3.000 Jahre alten, bewegten Geschichte. Allerdings überschattet seit Jahrzehnten ein düsteres Kapitel die gesamte Stadt: der Gift-Skandal rund um das Stahlwerk „Ilva“. Die Süddeutsche Zeitung schrieb 2019 dazu einen lesenswerten Beitrag, aus dem wir ob der Tragik einige Passagen zitieren möchten: „Unmittelbar beschäftigt sind dort mindestens 10 000 Menschen, ungefähr doppelt so viele Arbeiter sind für andere Firmen im Stahlwerk tätig, oder sie kümmern sich im Hafen um das Verladen der Rohstoffe oder des Stahls … Fast 80 Meter hoch sind diese Hallen, fast 700 Meter lang, so groß wie fünfzig Fußballfelder … dass dieses Stahlwerk so groß ist und so wichtig für den italienischen Staat, dass man in Rom glaubt, ohne diese Fabrik nicht bestehen zu können … Zu Tausenden waren die Einwohner Tarents, von Schwefeldioxid, Benzpyren, Dioxinen und etlichen anderen Giften verseucht, in den vergangenen Jahrzehnten an Krebs erkrankt. Tödliche Erkrankungen der Atemwege treten in Tarent bei Männern etwa fünfzig Prozent häufiger auf als in den anderen Teilen Apuliens. Die Zahl der Todesfälle, die sich nachweislich auf Giftstoffe, die aus dem Stahlwerk stammen, zurückführen lassen, liegt derzeit bei einigen Hundert, und jeder weiß, dass solche Gifte ihre Wirkung oft erst nach Jahrzehnten entfalten. Jede Familie in Tarent, heißt es, habe ihre Krebskranken und Krebstoten. Hin- und hergerissen zwischen ökonomischem Zwang und fataler Schädlichkeit, stellt sich die Historie des Stahlwerks dar als unendliche Geschichte aus unterlaufenen Kontrollen und missachteten staatlichen Ultimaten, aus Korruptionsverfahren und vorübergehenden Schließungen, aus staatlichen Dekreten und erstaunlichen Verlängerungen der Betriebserlaubnis … Doch das Stahlwerk darf offenbar trotzdem nicht untergehen, und wenn die Arbeiter auch wissen, dass Ausbeutung hier buchstäblich zu verstehen ist und ihren körperlichen Ruin bedeutet, so trotten sie doch bei Schichtbeginn durch das Fabriktor.“ (www.sueddeutsche.de)










Über die Ponte Sant’Egidio Maria da Taranto, welche zwischen Mar Piccolo und Mar Grande gespannt ist, verlassen wir Tarent und nehmen die teils 3-spurige Strada Statale 106 Richtung Reggio Calabria, welche hier auch für Radfahrer für etwa 3 km die einzige Möglichkeit ist, um vom Salento entlang der Küste Richtung Kalabrien zu gelangen (die auf Komoot planbare Umfahrung durch das Areal von Küstenwache und Gesundheitsamt (!) ist definitiv gesperrt und durch Wachpersonal hermetisch abgeriegelt).


Anschließend sind es noch etwa 15 km entlang einer einsamen Parallel-Straße bis zu unserem Quartier in Chiatona im 3*** Hotel Lido Impero, welches um diese Jahreszeit weit und breit das einzige sein dürfte, in dem man (günstig) übernachten und (durchaus gut) dessen kann. Wir spazieren abends am weiten Sandstrand entlang, der untergehenden Sonne entgegen. Die etwa 10 Kite-Surfer vom Nachmittag, die bei heute kräftigem Wind und hohen Wellen sichtbar Spaß hatten, sind nicht mehr im Wasser. Nur ein paar Fischer stehen am Ufer. Heute ist übrigens der erste Tag nach der Zeitumstellung. Dennoch gibt es erst um 20 Uhr Abendessen, was für unsere biologische Uhr 21 bedeutet. Um nicht völlig unterzuckert herumzutaumeln, kaufen wir – völlig untypisch für uns – in einem 24h-Automaten eine Flasche Bier, eine Dose Lemon Soda Mojito (also zusammen einen Radler) und 2 Packerl Chips. Im uns alle Haare aufstellenden PolitikerInnen-Jargon (wir haben immer noch Pamela Rendi-Wagner im schmerzenden Ohr) würde es jetzt heißen: Und das war WICHTIG UND RICHTIG!








Etappe 7
Nach 3 Tagen am Meer verabschieden wir uns heute von der Küste und ziehen nordwestwärts Richtung Matera weiter. Die ersten Kilometer führen wieder entlang zahlreicher, kleiner Obst- und Gemüsegärten sowie Zitrusfrucht-Plantagen, teilweise mit unglaublich üppig tragenden Bäumen.
Nach etwa 13 km stehen wir vor einem verschlossenen Tor (inkl. Betreten-Verboten-Schild), durch welches unser auf Komoot geplanter Track weiterführen würde. Dank Garmin GPS finden wir schnell eine sinnvolle Umleitung und erreichen über einen etwa 3 km langen Umweg die kleine Ortschaft Palagianello, von wo aus ein kurzer, aber sehr netter Bahntrassen-Radweg nach Castellaneta führt.





Highlight der Strecke ist die Fahrt über die Ponte di Santa Lucia, eine knapp 100-jährige, ehemalige Eisenbahnbrücke über die Gravina (Schlucht) di Santa Lucia, die schon einen ersten kleinen Vorgeschmack auf die Szenerie rund um Matera liefert. Parallel zu „unserer“ alten Brücke führt die nicht weniger imposante neue Eisenbahnbrücke und bietet zusätzlich interessante Perspektiven auf die unterschiedliche Architektur der beiden Ponti.




In Castellaneta kaufen wir in der Bäckerei „Panificio Maldarizzi“ Herzhaftes und Süßes. Absolut herausragend wird wenig später der Verzehr 2er Stücke der „Torta di Mandorle“ – ein ungemein saftiger, mandel-/marzipanlastiger, für italienische Verhältnisse angenehm unsüßer, also für uns perfekter Kuchen. Definitiv das süße Highlight unserer Reise.
Unsere Route nach Matera haben wir nicht über die Direttissima (Strada Statale 7), sondern über die etwas nördlicher in einem Bogen führenden, verkehrsarmen Provinzstraßen geplant. Wir gewinnen kontinuierlich an Höhe und ringsum verwandelt sich die Landschaft immer mehr von einer grün-bewaldeten mit viel Obst- und Gemüse-Anbau zu einer immer karger werdenden, teils felsdurchsetzen, auf der weite, bereits abgeerntete Getreidefelder liegen – für uns ein wunderbarer Kontrast zu den Perspektiven der bisherigen Etappen.






Ab km 62 wird es für uns ernst. Wir steigen nochmals 70 etwas steilere Höhenmeter hinauf zum Altopiano della Murgia Materana, DEM Aussichtsplateau auf die gegenüberliegende Altstadt von Matera sowie die darunter liegende spektakuläre Schlucht, die Gravina di Matera. Ein herrlicher Single-Trail führt von einem Aussichtspunkt zum anderen – um diese Jahreszeit/an diesem Wochentag (Montag) haben wir den Weg quasi für uns allein.
Nachdem wir bereits 2019, als Matera euopäische Kulturhauptstadt war, während unserer Apulien-Rennrad-Bikepackingtour in Matera genächtigt und die Altstadt besichtigt hatten, drehen wir heute im Anschluss an die Altopiano-Passage nur eine kurze Runde durch das Zentrum, welches überraschend gut besucht ist – im Frühjahr 2019 war hier noch deutlich weniger los. Die Blicke von den Aussichtsterrassen haben aber nichts von ihrer Einzigartigkeit eingebüßt und wir empfehlen definitiv allen (Rad-)Reisenden irgendwann einmal diese wunderbare Stadt zu besichtigen, vor allem auch abends.





Für uns geht es heute noch etwa 20 km weiter in das deutlich unbekanntere und ruhigere Bergdorf Montescaglioso, wo wir uns für 3 Nächte in einem sehr schönen Apartment im Zentrum einquartieren und uns während unserer Homeoffice-Tage wunderbar regenerieren.











Etappe 8
Heute warten auf der ersten höhenmeterlastigeren Etappe zwei sehenswerte Highlights auf uns: zuerst das spektakulär gelegene „Geisterdorf“ Craco, danach die „Strada dei Calanchi“ durch eine faszinierende, wüstenartige Erosionslandschaft.
Wir starten zeitig (6:50) aus Montescaglioso und tauchen bei der gut 250 hm Abfahrt bald in dichten Nebel, der die strahlende Sonne verbirgt. Zum Glück gibt es auf der verkehrsreichen SP3, der wir ein paar Kilometer folgen, einen breiten Seitenstreifen, danach sind wir Richtung Bernalda wieder einsamer und durch den kontinuierlichen Anstieg auch bald wieder in der Sonne unterwegs.


In Bernalda decken wir uns in Supermarkt und Bäckerei mit genügend Proviant ein, da wir heute voraussichtlich längere Zeit ohne Einkehr-/Einkaufsoption unterwegs sein werden.
Über eine herrlich einsame und aussichtsreiche Asphaltstraße nördlich des Fiume Basento näheren wir uns Pisticci, einem malerischen, kleinen Bergdorf, das durch die vielen weißen Häuser den Berg im Augenwinkel beinahe schneebedeckt aussehen lässt. Noch lange Zeit werden wir Pisticci immer wieder aus verschiedenen Richtungen erspähen und uns am Anblick erfreuen.






Über eine großartige Panoramastraße geht es weiter nach Craco. In den 1960er/70er Jahren zerstörten mehrere Erdrutsche Teile der auf einem Felsen thronenden Stadt und die Bevölkerung wurde schließlich vollständig evakuiert. Mittlerweile steht die abgeriegelte Geisterstadt auf der Liste gefährdeter Kulturdenkmäler und lockt durch ihre exponierte Lage und ihre gespenstischen Ruinen jährlich zahlreiche Besucher:innen. Aber auch die Panoramablicke auf das umliegende Tiefland inmitten einer ausgedehnten Calanchi-Lanschaft versetzen uns mehrmals in staunende Bewunderung.





Bis zu den „richtigen“ Calanchi dauert es dann noch etwa 25 km. Hier beginnt auch der lange Schlussanstieg des Tages von 170 m bis auf 815 m Höhe. Die schmale, bei uns komplett verkehrsarme Straße durch den „Parco dei Calanchi“ ist ein wirkliches Highlight auf dem Weg nach Aliano. Faszinierende Lehmformationen tauchen nach jeder Kurve aufs Neue auf und am Ende jeder giftigen Steilrampe werden wir mit prachtvollen Panoramablicken über die wilde, nahezu unwirkliche Landschaft belohnt.






Auf 555m Höhe erreichen wir das Bergdorf Aliano, welches über dem Parco dei Calanchi liegt. Berühmt wurde der Ort durch das 1945 erschiene und später verfilmte Buch von Carlo Levi „Cristo si è fermato a Eboli“ (Christus kam nur bis Eboli). Zahlreiche StreetArt-Gemälde an Häusern und Wänden begleiten unsere Fahrt ins Zentrum, wo wir uns in einer netten Bar stärken, bevor es nochmals knapp 300 Höhenmeter auf einer sehr schmalen, quasi nicht befahrenen Straße über einige Steilrampen zum finalen „Gipfel“ geht.






Unser Etappenziel erreichen wir dann nach 104 km und 1.800 Höhenmetern beim Agriturismo Masseria Castiglione, das dritte Highlight des heutigen Tages. Wir betreten ist ein wunderschönes, herrschaftliches Haus im alten Stil mit hohen Räumen und viel Platz. Abends speisen wir (als einzige Gäste) vor einem großen offenen Kaminfeuer – es gibt ein mit viel Liebe und Herz gekochtes vegetarisches Menü: Antipasto: Ciambotta (hier: gebratene Paprika-Melanzani mit Ei), Primo: Pasta Casareccia mit Peperoni cruschi („das rote Gold der Basilikata“) und Ricotta, Secondo: gegrillter Caciocavallo (einer unserer Lieblingskäse in Süditalien) mit gerösteten Pistazien, und als Dessert einen kleinen Kuchen mit Creme-Füllung … dazu sehr guten roten Hauswein. Und auch zum Frühstück am nächsten Morgen gibt es überdurchschnittlich gute Dolce: einen frisch gemachten, hervorragend saftigen Apfelkuchen, köstliche Sfolgie mit dunkler Schokolade und kleine Cornetti … und davor bekommen wir sogar eine große Portion Rührei – ein Traum!





Etappe 9
Heute steht uns die 2. Bergetappe zu den „Piccole Dolomiti Lucane“ bevor. Das Wetter ist eher trüb-bewölkt, aber wir sind sehr froh, dass es auf jeden Fall trocken bleiben soll. Nach einer kurzen Abfahrt ins Tal der Strada Saurina beginnt bald der erste lange Anstieg es Tages zum spektakulär gelegenen Bergdorf Cirigliano – mit stetem Blick auf das gegenüberliegende, nicht minder attraktive Gorgoglione.




Auf schmalen, teils einspurigen Asphaltstraßen geht es dann weiter durch dichte, idyllische Laubwälder (v.a. Eiche), die uns stellenweise sehr an die heimischen Wälder rund um Wien erinnern. Den höchsten Punkt (1.180 m) erreichen wir nach ca. 35 km. Danach dauert es aber immer noch gute 10 km, bis wir sie endlich zum ersten Mal sehen – die „Kleinen Lucaner Dolomiten“ rund um das malerische Bergdorf Pietrapetrosa.





Hier stärken wir uns in einer Bar mit Caffé Americano, 4 herzhaften Focaccia-Stücken und einem süßen Cornetto. Danach drehen wir eine Runde durchs Dorf-Zentrum, wo gerade die Vorbereitungen zum großen Herbst-/Erntedankfest laufen. Zahlreiche Stände werden errichtet und alle wirken gut gelaunt in großer Vorfreude auf ein festliches Wochenende. In einer Bäckerei kaufen wir noch Proviant für später – die wahrscheinlich besten gefüllten Focaccias (eine mit Spinat-Ricotta, eine mit gebratenen Zwiebeln und eine mit gegrillten Paprika).




Nach einer 10 km langen, herrlichen Abfahrt ins Basento-Tal, wo wir noch einmal die SS7/Via Appia kreuzen) wartet auf uns der zweite lange Anstieg des Tages – hinauf nach Campomaggiore und weiter über die dahinter liegende Hügelkette bis nach Vaglio Basilicata östlich von Potenza. Hier haben wir im Vorfeld das einzig strategische sinnvolle Zimmer auf booking.com für die heutige Nacht (Feiertag/Allerheiligen!) gefunden. Wenn auch deutlich teurer als alle bisherigen Quartiere, beziehen wir dafür ein hübsches Zimmer in einem noblen, mit hochwertigen Materialien ausgestatteten Anwesen (altes Kloster). Der Check-In (mit unseren Bikes) über das Inhaber-Paar der benachbarten Bar/Pizzeria gestaltet sich ein wenig skurril: zuerst heißt es, wir können die Bikes keinesfalls im – wohlgemerkt außer uns leeren – Haus abstellen … wir sollen später nochmals in die Bar kommen, um mit dem Inhaber in die Garage nebenan zu gehen, da die Inhaberin nicht zu lange von der Bar weg sein kann … später heißt es erneut, wir sollen später kommen, da diesmal nur der Inhaber der Bar, aber nicht dessen Frau anwesend ist … da wir unserer Bikes keinesfalls im frei zugänglichen Innenhof stehen lassen können und auch nicht 3 Stunden „Wache halten“ wollen, bis wir zur Garage geleitet werden, tragen wir die Bikes – wie immer ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen – in unser extrem geräumiges Zimmer. Grundsätzlich hatten wir bisher in Italien beim Check-In so gut wie nie ein Problem beim Mitnehmen der Bikes aufs Zimmer. Aus unserer Sicht sind die Reifen eines Fahrrads nicht schmutziger als Schuhsohlen … und wir wurden noch nie ersucht, unsere Schuhe vor dem Betreten eines Zimmers/Apartments auszuziehen. Dass man nirgendwo Kettenschmiere oder Reifenspuren an den Wänden hinterlässt, ist für uns genauso selbstverständlich, wie keine Einrichtung (TV, Badezimmer, …) zu demolieren.


Und auch das Abendessen in der „Antica Taverna“ ist alles andere als ein Highlight. Die in der Karte angepriesenen Primi und Secondi-Gerichte gibt es nicht – es gibt nur (zu dunkel gebackene) Pizza … die meisten Gäste der Bar trinken ohnehin nur etwas oder warten einfach auf ihre Take-Away Pizza-Kartons … ein ziemlicher Kontrast also zu Atmosphäre und Genuss des gestrigen Abends. Lustigerweise wurde das Thema „Bikes in die Garage“ abends wie auch am nächsten Morgen beim Frühstück überhaupt nicht mehr angesprochen.
Etappe 10
Unsere finale Etappe starten wir mit dem kleinsten aller möglichen Frühstücke – dem „typischen“ Bar-Frühstück „Caffè & Cornetto“. Nachdem wir schon 14 km später die kleine Ortschaft Pietragalla erreichen werden, sehen wir es allerdings sehr gelassen und verabschieden uns von Vaglio Basilicata leichten Herzens.
Über eine kurze, ruppige Offroad-Passage erreichen wir die für seine historischen Weinpressen bekannte Ortschaft Pietragalla. Die „Palmenti“ sind eine Anreihung mittelalterlicher, vielleicht sogar antiker Steinhäuser, die vor hunderten Jahren als Weinkeller und Weinpressen errichtet und genutzt wurden. Die gut erhaltenen Häuser liefern einen wertvollen Einblick in die Tradition der Weinproduktion vergangener Zeiten und können frei besichtigt werden (nähere Informationen: www.italieonline.eu).




Einer langen, flotten Abfahrt folgt der längste Anstieg des Tages – auf der breit ausgebauten SP6 hinauf nach Acerenza. Schon von Weitem strahlen uns die hellen Häuser der auf 800 m Höhe gelegenen Stadt entgegen. Wie so viele andere Städte und Dörfer der Basilikata thront Acerenza an einem strategisch günstigen Punkt hoch über dem Tiefland ringsum. Wie schon Pietrapetrosa gestern zählt auch Acerenza zu einem der ca. 360 „borghi più belli d’Italia“, die sich u.a. durch architektonische Harmonie, Bewohnbarkeit des Ortes sowie künstlerische und historische Qualität auszeichnen.
Wenig später jausnen wir bei einem ruhigen Pick-Nickplatz (mit Pavillons und Brunnen), bevor es ein letztes Mal etwas länger bergauf geht Richtung Forenza, einer wie Acerenza ähnlich hübsch gelegenen Ortschaft, der wir aber zeitbedingt keinen Besuch abstatten.


Unsere letzten Kilometer führen über und entlang sanft-hügeliger, landwirtschaftlich dominierter Gebiete. Weinanbau, Olivenbäume, Gemüsegärten und vor allem ausgedehnte (befreits abgeerntete) Getreidefelder prägen das Landschaftsbild – aber auch zahlreiche Windräder und vereinzelte Solarfelder. Immer wieder fällt unser Blick auf verlassene Häuser, Höfe, teilweise sogar Siedlungen inmitten der weiten Felder, die durch die tiefstehende Sonne in wunderschönen Herbst-Farben leuchten.


In Venosa, wo rund um das prächtige Castello Aragonese gerade ein großes Erntedank- und Weinfest im Gange ist, stärken wir uns für die letzten 30 km noch einmal mit einem kräftigen Caffé. So wenig wir gestern bei der durchwegs bewölkten Bergetappe gestaunt und fotografiert haben, so sehr faszinieren uns heute wieder bei wolkenlosem Himmel Farben und Leuchtkraft der zweiten Tageshälfte. Auch der gut gefüllte Mond leuchtet bereits vom blauen Himmel und verleiht einigen zauberhaften Motiven das i-Tüpfelchen.





Nach 104 km ist es geschafft. Als die Sonne untergeht, sitzen wir bei erfrischenden Getränken auf der Terrasse des Agriturismo Moschella, von wo aus wir vor ca. zwei Wochen unsere Rundreise gestartet hatten. Daniela bekocht uns abends mit einem hervorragenden vegetarischen Menü. Dazu gibt es einen wunderbaren Nero di Troia, der zwar weniger bekannt ist als die „Haupt-Rotweinsorten“ Apuliens (Primitivo und Negroamaro), aber geschmacklich auf jeden Fall in derselben Liga spielt. Die langen Gespräche über Tourismus, Bildung/Schulsystem, Infrastruktur, Kulinarik, Politik, Arbeit, Familie, Haus und Landwirtschaft sind für uns mindestens genauso bereichernd wie die kulinarischen Genüsse des Abends und auch des nächsten Morgens (Frühstück). Wir können den sympathischen, radreisefreundlichen Agriturismo am Fiume Ofanto auf jeden Fall wärmstens empfehlen – ein optimaler Ausgangspunkt für eine kontrastreiche Radreise durch die eindrucks- und genussvollen Regionen Apuliens und der Basilikata.






Unsere Route:
1.001 km / 10.260 hm
Etappen auf Strava:
Etappe 01 (6:38:29 | 126,99 km | 1.219 m)
Etappe 02 (5:49:26 | 102,53 km | 843 m)
Etappe 03 (4:33:06 | 84,98 km | 188 m)
Etappe 04 (5:43:53 | 95,60 km | 648 m)
Etappe 05 (6:02:10 | 111,11 km | 472 m)
Etappe 06 (5:12:30 | 90,48 km | 332 m)
Etappe 07 (6:01:23 | 92,08 km | 1.139 m)
Etappe 08 (6:23:05 | 104,58 km | 1.803 m)
Etappe 09 (6:11:53 | 88,93 km | 2.126 m)
Etappe 10 (6:18:02 | 104,57 km | 1.490 m)










